Tipp des Monats


Herford in "Mehr als man kennt - näher als man denkt. Objektgeschichten aus Gedenkstätten in NRW"

Digitale Ausstellung zur Wanderausstellung


Seit dem 16. September 2020 ist im Internet über dem Link https://www.politische-bildung.nrw.de/wir-partner/erinnerungskultur/objekte-erinnerungskultur/ die digitale Ausstellung zur Wanderausstellung "Mehr als man kennt - näher als man denkt. Objektgeschichten aus Gedenkstätten in NRW" zu sehen.

Nordrhein-Westfalen verfügt über eine vielfältige und mit großem Engagement getragene Gedenkstättenlandschaft. Gemeinsam mit dem Arbeitskreis der NS-Gedenkstätten und –Erinnerungsorte in Nordrhein-Westfalen hat die Landeszentrale für politische Bildung die Ausstellung entwickelt, um diese Vielfältigkeit abzubilden. Mit den hier gezeigten Objekten geben die NS-Gedenkstätten in Nordrhein-Westfalen einen sehr konkreten Einblick in ihre Arbeit – erstmals auch digital! In den Dauerausstellungen der Gedenkstätten sollen diese und andere Objekte zu Fragen anregen und zur Diskussion auffordern. In den Gedenkstätten sind dazu auch Broschüren erhältlich.

Herford ist mit einer der Türen in der Gedenkstätte Zellentrakt vertreten, der gesprochene Text lautet: „Beim richtigen Lichteinfall lässt sich die kyrillische Schrift noch heute gut entziffern: "… saß in dieser Kammer 15 Tage lang  … in dieser Kammer 2 mal."  Die Zwangsarbeiterin Agnesa Apanasenko ritzte diese Worte am 19.03.1945 in die Holztür ihrer Zelle. Rund 50 Jahre später besuchte sie das ehemalige Polizeigefängnis im Herforder Rathaus erneut – heute ist dies die Gedenkstätte Zellentrakt. Hier dokumentieren viele Einritzungen den unbedingten Lebenswillen der Inhaftierten.“

Ausführlicher beschreibt folgender Text das Objekt:

"Es geht vorüber" - eingeritzt in eine Zellentür

In eine der Holztüren des früheren Polizeigefängnisses im Keller des Herforder Rathauses hat jemand voller Hoffnung den Satz geritzt: „Es geht alles vorüber.“ Ursprünglich hatte das 1917 in Betrieb genommene Polizeigefängnis aus zehn Zellen von je neun bis zwölf Quadratmetern bestanden. Nach 1933 konnte auch die Gestapo, die Politische Polizei der Nationalsozialisten, Menschen wie Gegner des neuen Regimes: Sozialdemokraten, Kommunisten, Gewerkschafter einweisen. Nach dem Beginn des Krieges 1939 und vor allem nach dem Einmarsch der Wehrmacht in die Sowjetunion 1941, verhaftete die Gestapo auch ausländische Zwangsarbeiter. Sie galten der deutschen Führung als „Untermenschen“ und besaßen keine Rechte. Schon wegen geringfügiger Verstöße konnten sie in Haft genommen werden. So zum Beispiel auch Agnesa Apasanenko, geboren 1925 in Mariupol (Shdanow), einer ukrainischen Stadt im Donezk. Anfang 1942 verschleppten die Deutschen die Siebzehnjährige aus ihrer Heimat nach Herford zum Arbeitseinsatz. Auch sie hinterließ – in der Tür ihrer Zelle– in kyrillischer Schrift ein sprechendes Dokument ihrer Haft: „Agnesa Apasanenko aus Mariupolja saß in dieser Kammer 15 Tage lang. Kam an im Jahr 19.3.1945. Seit meinem Aufenthalt in Deutschland saß ich in dieser Kammer 2-mal.“

 

Im Oktober 1942 verließ Agnesa Apasanenko ohne Erlaubnis ihre Arbeitsstelle bei der Firma Rottmann in Herford, um ihren Bruder in Bad Meinberg zu besuchen. Das wurde ihr zum Verhängnis. Nach der Haft kehrte sie zu ihrem Arbeitgeber zurück und wurde im April/Mai 1945 in die Sowjetunion zurücktransportiert. Sie hat überlebt: 1994 besuchte sie gemeinsam mit weiteren 21 früheren Zwangsarbeiterinnen aus Mariupol auf Einladung der Stadt Herford den Ort ihrer Polizeihaft, aber damals waren ihre Spuren im Zellentrakt noch nicht entdeckt.

Die Zellentür als ergänzende historische Dokumente

Obwohl wegen systematischer Vernichtung viele Quellen fehlen, ist es der Herforder Gedenkstätte in akribischer Forschungsarbeit anhand erhaltener Akten und im Gespräch mit Zeitzeugen gelungen, einige Fakten zu recherchieren:

 

Es gelang, die Identität der meisten Opfer zu klären, die hier gefangen und der Willkür der Gestapo und Kriminalpolizei ausgeliefert waren: politische Gegner des Regimes, Juden, die „Ernsten Bibelforscher“ (heute: Zeugen Jehovas), homosexuelle Männer, sogenannte „Asoziale“. Die Haft konnte bis zu sechs Monaten dauern, aber in der Regel handelte es sich nur um wenige Tage. Die spärlich ausgestatteten Zellen waren meistens mit zwei bis vier, zuweilen aber auch mit sechs Personen belegt. Für sie alle waren die Zellen ein Ort der Ungewissheit und Angst, des Hungers, der Folter und Schmerzen, für manche eine Station auf dem Weg in ein Konzentrationslager. Oder sogar zum Todesurteil vor Gericht. Ob sich die Hoffnung, dass „alles vorübergeht“, bewahrheitete, ist nicht bekannt.

 

Heute sind die Einritzungen in den Türen des Herforder Zellentrakts erschütternde physische Spuren des Leidens. Sie dokumentieren aber auch den unbedingten Willen zum Leben und die Hoffnung der Opfer und sind damit ein bedeutendes Vermächtnis an die Nachgeborenen.