Erich Hartmann: Herforder NS-Landrat

von Norbert Sahrhage


Erich Hartmann
Erich Hartmann

Nachfolger des am 20. September 1933 mit einer großen Feier in den Ruhestand verabschiedeten Herforder Landrats Franz von Borries wurde Erich Adolf Ewald Hartmann, der sein Amt am 5. Oktober 1933 zunächst als stellvertretender, dann als kommissarischer Landrat antrat. Am 1. August 1934 erfolgte schließlich die definitive Anstellung Hartmanns. Der neue Landrat, am 7. Juli 1896 als Sohn eines Architekten in Ludwigshafen geboren, hatte nach der Volksschule das Real-Progymnasium in Mannheim (1906-08) und die Oberrealschule in Heidelberg (1908-10) sowie die Landesschule Vaduz/Liechtenstein (1910-12) besucht, dann, bevor er seinen Militärdienst antrat und von Oktober 1914 bis Kriegsende 1919 am Ersten Weltkrieg teilnahm, kurzzeitig als Eleve in verschiedenen Betrieben in der Schweiz und in Deutschland gearbeitet. Nach Kriegsende hatte Erich Hartmann Tätigkeiten als kaufmännischer Angestellter und als Versicherungsangestellter ausgeübt.

Hartmann war damit – im Unterschied zu seinen Vorgängern, die ein Jurastudium absolviert hatten – formal für das Amt des Landrats nicht qualifiziert; es war ihm durch Protektionismus der NSDAP zugefallen. Bereits am 8. Juni 1920 war Hartmann dem Deutsch-Völkischen Schutz- und Trutzbund beigetreten, der der NSDAP ideologisch sehr nahestand. Im September 1922 hatte sich Hartmann an der Gründung einer NSDAP-Ortsgruppe in Münster/W. beteiligt und das Amt des Organisationsleiters übernommen; zugleich war er in verschiedenen Wehrverbänden (Westfalen-Treubund und Stahlhelm) aktiv. Nach dem Verbot der NSDAP im Anschluss an den Hitler-Putsch in München im November 1923 war Hartmann als Mitbegründer des Kreisvereins Münster und des Gaues Westfalen-Nord des Völkisch-Sozialen Blocks in Erscheinung getreten. Im Januar 1924 gehörte Hartmann zu den Gründern der SA in Münster und führte den SA-Sturm 156 Münster. Nach Neugründung der NSDAP im Februar 1925 trat Hartmann am 10. März (Mitgl.-Nr. 16151) wieder in die NSDAP ein und fungierte als Ortsgruppenleiter in Münster. Zudem hatte Gauleiter Dr. Alfred Meyer Hartmann zum Gauinspekteur des NSDAP-Gaues Westfalen-Nord ernannt. Von 1932 bis 1933 gehörte Hartmann als Abgeordneter dem Preußischen Landtag an; im November 1933 wurde er Mitglied des Deutschen Reichstages.

Erich Hartmann hatte am 4. Februar 1928 Angela Bauhaus geheiratet, die ebenfalls im Jahre 1925 in die NSDAP eingetreten war. Das Ehepaar hatte vier Kinder (Herwig, Helga, Ute und Ingeborg) und wohnte nach Hartmanns Dienstantritt im Kreishaus in der Herforder Amtshausstraße. Als Landrat war Hartmann Inhaber zahlreicher weiterer Ämter. Er war u.a. EMR-Aufsichtsratsvorsitzender, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse des Landkreises Herford, Vorstandsvorsitzender des Kreis- und Stadtkrankenhauses, Vorsitzender des Aufsichtsrates der Bau- und Siedlungsgenossenschaft für den Landkreis Herford sowie Kreisführer des Deutschen Roten Kreuzes.

 

Landrat Erich Hartmann war ein willfähriger Amtsträger des NS-Staates. Er sorgte u.a. dafür, dass in Vlotho eine HJ-Bannführerschule eingerichtet wurde. Er war auch maßgeblich an der Ablösung des der NSDAP kritisch gegenüberstehenden Bünder Bürgermeisters Dr. Richard Moes im Jahre 1937 beteiligt. Im Verlaufe des Novemberpogroms besuchte Hartmann am Morgen des 10. November 1938 die Städte Vlotho und Bünde. Erst danach bzw. während seines Besuchs kam es in beiden Städten zu Übergriffen auf die Synagogen. So wurde unter Hartmanns Leitung die Tür zur Bünder Synagoge aufgebrochen und die Inneneinrichtung verwüstet. Das Mobiliar wurde auf den Bünder Marktplatz gebracht und dort angezündet; Hartmann hielt dazu eine Rede. Hartmann gehörte zu den „alten“ Parteigenossen in Westfalen; er war Träger des Goldenen Parteiabzeichens der NSDAP und nahm im Juni 1939 auch an der Westfalenfahrt der »Alten Garde« teil. Am 30. Januar 1940, dem Jahrestag der nationalsozialistischen „Machtergreifung“, trat Hartmann in die SS (Mitgl.-Nr. 353038) ein, er erhielt dabei den Ehrenrang „SS-Hauptbannführer“. Gleichzeit wurde er zum SS-Führer in der 82. SS-Standarte ernannt. Im Juli 1942 erklärte Hartmann seinen Austritt aus der evangelischen Landeskirche; in danach ausgefüllten Formularen bezeichnete er sich als „gottgläubig“, der religiösen Identifikationsformel überzeugter Nationalsozialisten; im folgenden Jahr trat Angela Hartmann aus der katholischen Kirche aus.

Während des Zweiten Weltkrieges vertrat Hartmann zeitweise die Landräte der Kreise Minden, Bielefeld-Land und Halle. Hartmann wurde im Dezember 1944 – offenbar auf Betreiben des Herforder NSDAP-Kreisleiters Ernst Nolting – als Landrat abgelöst und als Landesrat zum Oberpräsidium nach Büren, wo die Provinzialverwaltung nach der Bombardierung Münsters untergekommen war, abgeordnet. Hartmann hatte im Herbst 1944 die Kreisverwaltung wegen der zunehmenden Bombenangriffe auf die Stadt Herford in die weniger gefährdeten Vlothoer Kurorte Seebruch und Senkelteich verlegt, was – nach Meinung Noltings – die Siegeszuversicht der Herforder Bevölkerung nicht gerade verstärkt hatte. Der Herforder Oberbürgermeister Kleim erhielt daraufhin den Auftrag, auch die Geschäfte des Landrates zu führen. In den letzten Kriegstagen konnte sich Hartmann mit seiner Familie, die zuletzt in Vlotho untergebracht worden war, über Ratzeburg und Heide/Dithmarschen, wo die Familie vorübergehend bei dem örtlichen Landrat unterkam, nach Edemannswürth, einem kleinen Dorf in der Umgebung der Stadt Heide, absetzen. Hier fanden die Hartmanns bei dem Bauern Klaus Rolfs eine dauerhafte Unterkunft.

Am 24. April 1946, etwa ein Jahr nach Kriegsende, wurde Erich Hartmann von englischen Besatzungssoldaten auf dem Rolfschen Bauernhof verhaftet und in das Internierungslager Neuengamme gebracht, das auf dem Gelände des früheren Konzentrationslagers in der Nähe Hamburgs eingerichtet worden war. Nach seiner Entlassung aus dem Internierungslager am 14. Oktober 1947 wohnte Hartmann zusammen mit seiner Familie bei seinem Schwager in Schliprüthen im Sauerland, wo er als Mühlen- und Waldarbeiter Beschäftigung fand. Ende Januar 1949 musste sich Hartmann vor einem Bielefelder Schwurgericht wegen seiner Beteiligung an dem Novemberpogrom 1938 in Bünde verantworten. Er wurde wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit und Landfriedensbruchs rechtskräftig zu zwei Jahren Zuchthaus und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von drei Jahren verurteilt. Die Strafe verbüßte Hartmann bis zum 7. Oktober 1950 in der Strafanstalt Münster. Danach kehrte er nach Schliprüthen zurück, wo er wiederum als Holzarbeiter tätig war; daneben bezog er zeitweise Arbeitslosenunterstützung.

Am 10. Januar 1951 wurde Hartmann von der Herforder Molkerei (Humana-Milchwerke) eingestellt, nachdem sich Amtsdirektor Gustav Jürging (Enger), der im Aufsichtsrat der Milchwerke saß, für Hartmann verwendet hatte. Hartmann arbeitete in der Molkerei eng mit Dr. Heinz Lemke zusammen, der nach dem Krieg eine Säuglingsnahrung, die der Muttermilch weitestgehend angeglichen war, entwickelt hatte. Hartmann wohnte während dieser Zeit zunächst in Spenge, wo gute Kontakte zu dem früheren NSDAP-Ortsgruppenleiter Oldemeier bestanden, und dann in Herford, während seine Familie weiter in Schliprüthen lebte. Im Jahre 1952 bezogen die Hartmanns eine gemeinsame Wohnung zunächst in Gohfeld, dann, 1957, durch Vermittlung des früheren Lübbecker NSDAP-Kreisleiters Ernst Meiring, eine größere Wohnung in Lübbecke. Hartmann war in dieser Zeit für die Herforder Molkerei im Außendienst tätig.

Erich Hartmann trat Anfang des Jahres 1963 in den Ruhestand. Er starb am 23. Februar 1976, ohne sein altes Denken aufgegeben zu haben, verbittert in Achim bei Bremen, wo er zuletzt bei einer seiner Töchter gelebt hatte. Seine Pensionsansprüche aus seiner Dienstzeit als Landrat waren nicht anerkannt worden und die neue Ostpolitik der sozialliberalen Koalition sowie der Kniefall Brandts am Ehrenmal für die Toten des Warschauer Ghettos wurden von Hartmann heftig kritisiert.

Quellen/Literatur: